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MEHRWERT DER MEHRSPRACHIGKEIT

Projektzeitraum: 9. März - 14. April 2011

Die offenen Sprachklassen in Linz ermöglichen Kindern einen sanften Einstieg in eine ihr fremde Welt. Ein Konzept für ganz Europa!

Vorwort

Die Anforderungen der Gesellschaft an die Schule von heute sind vielfältiger denn je. Es wird mehr erwartet, als dass die deutsche Sprache gelernt, die Grundfertigkeiten in Mathematik beherrscht und Allgemeinbildung vermittelt wird. Schule ist Teil der Gesellschaft und Spiegel zugleich.

Angesichts dieser Tatsache sind wir bemüht, im Sinne unser SchülerInnen und deren Eltern Handlungskonzepte zu entwickeln, die allen ermöglichen sollen, zu demokratischen, selbstbewussten und mündigen Bürgern zu werden.

Bei aller Unterschiedlichkeit bedingt durch unterschiedliche Sozialisation, sich scheinbar widersprechenden Religionen und unterschiedlichen Ansichten über familiäre Konzepte, gibt es parallel dazu viele zutiefst menschliche Gemeinsamkeiten.

Bestrebungen nach Erfüllung der Grundbedürfnisse, der leiblichen Sicherheit, dem Aufgenommensein in der Gemeinschaft, nach Recht und Gerechtigkeit sowie der Möglichkeit nach persönlicher Entfaltung lehren uns, dass eine tolerante Haltung Vorteile für alle bringt. Ein geschärfter Blick auf Gemeinsamkeiten nimmt den Unterschieden die Bedeutung.

Die hier beschriebenen Projekte mögen ein Beitrag dazu sein, unsere Gesellschaft ein Stück friedfertiger werden zu lassen. Ein Unterschied kann als mögliche Bereicherung wahrgenommen werden und ist noch lange kein Widerspruch!

Leiter der HS10, Dipl. Päd Peter Bersenkowitsch

Personen:

Tschautscher Johanna >>

Johanna Tschautscher studierte an der Universität Wien Philosophie und Theaterwissenschaften und von 1988 bis 1992 an der Graumannschule in Wien Schauspiel. 1992 schloss sie ihre Ausbildung ab und spielte in der freien Szene Wien mehrere Rollen. Sie war als Produktionsassistentin und Lichtassistentin Mitarbeiterin der Wiener Taschenoper, schrieb zahlreiche Theaterstücke und inszenierte 1993 ihr erstes Stück Hölle in der Krise in Wien. Zwischen 1993 und 1998 kamen ihre drei Kinder auf die Welt. Sie veröffentlichte in dieser Zeit in Literaturzeitschriften, verfasste ihren ersten Roman Der Garten in der Wüste und schrieb das Stück Die Mutter, die es nicht gab, das in Wien uraufgeführt wurde.

Ein Stoff im Umfeld der italienischen Mafia führte sie im Jahr 2000 mit Hilfe eines Stipendiums nach Palermo. Sie recherchierte für ihren Roman und das Drehbuch Die sieben Raben. Die Recherchen und ein Interview mit einem Oberstaatsanwalt der italienischen Anti-Mafia Roberto Scarpinato, veranlasste sie neben der fiktiven Auseinandersetzung mit den Stoff auch dokumentarisch zu denken. Nach einem Dokumentarfilm-Seminar bei MEDIA (Filmförderung), Sources 2, in Finnland arbeitet sie seit dem Jahr 2000 auch als Regisseurin.

Als Zeichen der Anerkennung für ihr Engagement in Afrika und ihren Mut trotz Widerstände ihren Weg zu gehen verlieh ihr ihre Heimatstadt 2009 den "Frauenorden der Stadt Linz".

Lehrer/innen:

Dipl.Päd. Oltay Klara
Dipl.Päd. Zamani Elisabeth (Deutsch, Ernährung und Haushalt, Biologie und Umweltkunde )
Dipl.Päd. Danner Petra  (Ernährung und Haushalt)
Dipl.Päd. Obermayr Ute  (Bildnerische Erziehung, Deutsch)
Dipl.Päd. Frühwirth Petra  (Deutsch, Bildnerische Erziehung )
Dipl.Päd. Kirchsteiger Christian   (Koordination)

 

Schüler/innen:
24 Schüler/innen der offenen Sprachklasse der HS 10

 

Projektziele

Zur Zeit befinden sich 24 SchülerInnen in der Sprachklasse. Ein Teil der Gruppe kam im Laufe des letzten Schuljahres nach Österreich, ein Teil befindet sich schon länger als ein Jahr hier bei uns und einige sind erst einige Wochen in unserem Land.
Ein Ziel der Sprachklasse war und ist es, den Schülern den Übertritt in ein für sie meist völlig konträres Schulsystem zu erleichtern. Im Laufe unserer Tätigkeit in diesem Bereich haben wir bemerkt, dass die Kinder Zeit brauchen um sich zu akklimatisieren.
Die SchülerInnen der verschiedenen Altersstufen kommen mit unterschiedlichem Vorwissen zu uns.
Den gemeinsamen Nenner für alle SchülerInnen bildet das Erlernen der deutschen Sprache. Dies steht im Mittelpunkt des Unterrichtes in allen Fächern.
Sobald die Schüler eine gewisse Sprachkompetenz erreicht haben, werden sie ihrem Alter entsprechend in die Regelklassen eingegliedert.
Mehrwert der Sprachen in den Fächern: Deutsch, Bildnerische Erziehung, Biologie, Musik, und Ernährung und Haushalt
Die Vielfalt der Muttersprachen sollte als großer Wert von den Kindern wahrgenommen werden.

Die Mehrsprachigkeit sollte auch im späteren Leben ( Beruf ) einen Gewinn darstellen.

Sprachen in der OSP

24 SS /  13 verschiedene Muttersprachen

Albanisch
Arabisch
Bosnisch
Kurdisch
Farsi / Persisch
Rumänisch
Tschechisch
Ungarisch
Russisch
Tschetschenisch
Türkisch
Vietnamesisch
Somalisch

Projektverlauf

Deutsch

Kochrezepte ( Vorgangsbeschreibungen ) werden geschrieben und in die Muttersprachen übersetzt.
Gebrauchswortschatz ( Pflanzen im Garten und Gartengeräte ) wird in sämtlichen Sprachen gesprochen.

EHH, 25. 3. 11 / 3 UE

Kochrezepte aus den Heimatländern wurden gesammelt und auf Deutsch übersetzt.

Die Kinder brachten die für ihre Heimat typischen Gewürze und Lebensmittel mit und kochten in der Schulküche ( Kochanleitung in der Muttersprache ).
Ein gemeinsames Abschlussessen bildete den Höhepunkt und bereitete den Kindern große Freude.

BU, 25. 3. 11/ 1 UE

Klassenprojekt: Hochbeet im Schulgarten
Gestaltung von Plakaten mit Gartengeräten , Gartenblumen und Küchenkräutern
Erwerb des Gebrauchswortschatzes anhand von Bildern.

BE, D    28.3.2011/ 2 UE

Gruppenbilder: Gestalten von Bildern in den Techniken: Collage, Deckfarbenmalerei.
Thema: „Lieblingsfarben treffen sich zum friedlichen  Miteinander der Farbenvielfalt“

Spracherwerb: Sprechen über eigene Lieblingsfarben, Farben und Emotionen,
Farbvokabular erweitern: sonnengelb und himmelblau

Mein Koffer

SchülerInnen und LehrerInnen bringen Gegenstände aus dem persönlichen Umfeld mit und stellen diese in Deutsch und in der eigenen Muttersprache vor.
Dazu gehört ein Tischtuch von zu Hause, Fotos, Bücher oder ein Gegenstand, der für die Person besonders wichtig ist.

Musikerziehung

2 Unterrichtseinheiten  : eine kleine Heimatreise

Alle Anwesende der OSP haben für diese Stunde(n) ein Lied, Gedicht oder CD (DVD) aus der alten Heimat mitgebracht.
Auf der Muttersprache wurden die Lieder vorgesungen, Gedichte vorgelesen.  
Die SchülerInnen haben sie sich vorgestellt und ihr Heimatland auf der Landkarte gezeigt.

Bisher erreichte Ergebnisse

BE.: Schüler- und Gruppenarbeiten
BU.: Gestaltung von Plakaten mit Pflanzen im Garten und Gartengeräten
( Mehrsprachigkeit)
D.: Mehrsprachige Darstellungen : „Mein Koffer“.
Gebrauchswortschatz zu den Themen in BU und EHH erfolgte mehrsprachig.
EHH.: Rezepte aus den Heimatländern (  Muttersprache ) wurden ins Deutsche übersetzt und einige davon auch gekocht und verkostet.

Die Mehrsprachigkeit der SchülerInnen  ist ein Wert für die Zukunft !
Förderung der Muttersprachen !

Vielseitige Methoden wie aus dem Projektverlauf ersichtlich wurden mit den Kindern erarbeitet. Besonders die Methode „FILM“ war für alle eine unglaubliche Bereicherung!

Durch den späteren Umstieg der SchülerInnen von der Sprachklasse in eine Regelklasse wird sich die Wirkung des Projektes zeigen.

Sprache zu lernen um sich gegenseitig zu verstehen ist ein Grundbaustein jeder funktionierenden Sozialgemeinschaft.

Rückblick – Ausblick

Das Projekt fand mit einer Gruppe statt, deren SchülerInnen aus verschiedensten Ländern kommen und erst wenige Monate in Österreich sind. Jedes Kind wurde seiner Heimat und der gewohnten kulturellen Umgebung aus verschiedensten (aber meist mit Gewalt verbundenen) Gründen entrissen.
Gemeinsam mit der Künstlerin Johanna Tschautscher sich auf den Prozess eines gemeinsam zu machenden Filmes einzulassen. Details des Verlaufes waren schwer vorhersagbar, weil die SchülerInnen ihre persönliche Geschichte eingebracht haben. 
Klares Ziel ist aber, über den Weg des  Zuhörens und Annehmens sowie positiv-emotionsfördender Ausdrucksmittel die alte und neue Heimat hier in Österreich zu verknüpfen. 
Der Heimatbegriff ist ein mit Recht aus historischen Gründen politisch belasteter und daher mit Vorsicht zu betrachten. Auch gegenwärtige Parteien/Gruppierungen benutzen ihn in einer Weise, die dem Leitbild unserer Schule nicht gerecht wird. Andererseits hat er eine zu wichtige positive Facette, als dass man ihn einfach ignorieren könnte. 
Für die Kinder der Projektgruppe steht der Begriff "Heimat" in einem anderen Kontext als für uns. Neben der Wichtigkeit des Themas für diese Kinder, könnte die Auseinandersetzung damit uns helfen, diesen Begriff neu zu definieren. Ein gegenseitiges Lernen während des Projektes und bei der Präsentation war also zu erwarten.

Mehrsprachigkeit – ein Gewinn? von Johanna Tschautscher
HS 10 – Sprachenklasse
Linz März/April 2011
Projektverlauf
Sprachenklasse der HS 10. Es besuchen jene Kinder die Sprachenklasse, die noch nicht länger als zwei Jahre in Österreich sind, kein bis wenig Deutsch sprechen und daher noch keinen regulären Unterricht besuchen können. Zwischen 20 und 25 SchülerInnen, 5 Lehrerinnen, 14 verschiedene Nationen, einige Kinder sprechen noch kein Wort Deutsch, andere drücken sich gern und offen aus, die meisten hören zu, schauen, versuchen mit der neuen Situation fertig zu werden.

Schon beim ersten Treffen mit den Lehrerinnen wurde mir bewusst, eine künstlerische Arbeit mit einer Sprachenklasse kann nur in ganz enger Zusammenarbeit mit den Lehrerinnen funktionieren. Ich kann nicht wie sonst „die Klasse übernehmen“ und mit ihnen selbstständig arbeiten. Die Lehrerinnen stellen ein zentral wichtiges kommunikatives und emotionales Verbindungsglied zwischen mir und den vielen unterschiedlichen Schülern dar. Ich hörte, manche Kinder sprechen kein Wort Deutsch, nur circa fünf der Kinder können sich schon ausdrücken. Ich stellte mir die Frage: “Wie will ich mit diesen jungen Menschen kommunizieren, die gerade vorgestern aus dem Kosovo, aus Afghanistan, aus Bosnien angekommen sind, und kein WORT verstehen!“ Mein erster Ansatz war: Herausfinden, wie die Lehrerinnen auf diese jungen Menschen zugehen. Herausfinden, welche Improvisationen, Mittel, Didaktik sie anwenden, bei dieser erstaunlichen Herausforderung. Ich reagierte darauf mit einem dokumentarischen Ansatz und beschloss diese Art der künstlerischen Arbeit vorzustellen, indem ich sie „ausübte“.

Beim Erstgespräch erzählten ein paar Lehrerinnen, sie arbeiten viel mit Bildern und Gegenständen. Aus diesem Grund stellte ich mich beim ersten Treffen mit den Kindern mit einem Koffer vor, der mit Gegenständen aus meinem Leben gepackt war. „Das bin ich“ … das ist mein Buch, mein Tee, meine Kerze, mein Tischtuch, meine Kamera, mein Mikrophon, ich bin Filmemacherin. Während der Zusammenarbeit nahmen auch die Kinder und die Lehrerinnen ihren „persönlichen Koffer“ mit und stellten sich vor. Zu unserem großen Erstaunen nahmen auch alle Kinder ein Lied und ein Gedicht aus Ihrer Heimat mit und präsentierten sich und ihre Sprache auf diese Weise. Die Lehrerinnen organisierten einen Kochtag, wo internationale Küche auf dem Programm stand, im Zeichenunterricht wurden Farben und Formen verschiedenen kulturell bedingt unterschiedlichen Symbolen zugeordnet. Weiß wurde Trauer und Friede zugleich. Schwarz wurde Stärke und Trauer. Bei der Diskussion über das Thema: Ist Mehrsprachigkeit ein Gewinn wollte kein Kind in seiner Muttersprache sprechen, denn das wichtigste Anliegen der Kinder ist: Verstanden zu werden. Anzukommen in diesem Land, beim Anderen, Freunde zu haben.

Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist ein kurzer dokumentarischer Film geworden.
Ich drücke damit den Lehrerinnen und SchülerInnen meine Hochachtung aus!

Die Arbeit mit der Sprachenklasse ist Beziehungsarbeit, die auf allen zur Verfügung stehenden Ebenen abläuft und ablaufen muss. Diese Arbeit ist eine „in sich“ künstlerische Auseinandersetzung, weil Kunst „eine Sprache“ ist. In dieser Klasse wird „Sprache“ permanent auf allen Ebenen erprobt, da eine der vielen Sprachen – Deutsch – vermittelt werden will und dringend gesucht wird!
Allen Kindern ist es das größte Anliegen Deutsch zu lernen. Auf diese Weise können sie ihre Identität und die vielfältigen Ebenen dieser Identität kommunizieren. Ich habe den Eindruck gewonnen, eine künstlerische zusätzliche Herausforderung brauchen sie im Moment nicht. Sie sind bereits kontinuierlich künstlerisch auf dem Weg.

Ich bedanke mich für die problemlose Zusammenarbeit mit den Lehrerinnen!
Mit besten Grüßen
Johanna Tschautscher